Ein Tag und eine Nacht im Ramadhan (teil 2 von 2): Gottesdienst in der Nacht
Nach dem Gebet bei Sonnenuntergang kehren
die Muslime in ihre Häuser zurück, wo sie wieder eine Kleinigkeit essen oder
ihr Abendessen einnehmen. Allerdings essen die meisten Leute nicht so viel,
denn es stört sie sonst später, wenn sie am Gottesdienst teilnehmen wollen, der
die Freude des Muslim im Ramadhan darstellt – das Tarawieh Gebet. Dieses
Gebet wird unmittelbar nach dem Nachtgebet gebetet, das verrichtet wird, sobald
die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs verschwunden sind, etwas eineinhalb
Stunden nach dem Gebet bei Sonnenuntergang.
Das Tarawieh (Nachtgebet)
Das Tarawieh ist ein besonders
Gebet, das in der Gemeinschaft gebetet wird. Es ist ziemlich lang, es dauert
von einer Stunde bis eineinhalb Stunden. In jeder Nacht des Ramadhan wird es
verrichtet und die meisten Imame oder Vorbeter versuchen, darin den
ganzen Qur´an zu rezitieren. Darin beten die Muslime zu ihrem Herrn, stehend,
sich verbeugend und niederwerfend und erhalten die Gelegenheit den Qur´an im
Ganzen zu hören, die Verse melodisch vorgetragen zu bekommen, als wäre er ihnen
hier und jetzt offenbart worden. Moscheen mit erfahrenen Lesern füllen sich
schnell, daher kommen die Betenden schon eher, um sich ihre Plätze
freizuhalten. Manche Moscheen fassen über tausend Betende, die aus der ganzen
Stadt kommen, um dort am Gebet teilzuhaben. In der Tat ist es eine Erfahrung
auf die man ein ganzes Jahr gewartet hat. Das Tarawiehgebet ist ein
Mittel, um Vergebung zu erlangen, wie der Prophet sagte:
“Wer im Nachtgebet im Ramadhan steht, an Gott glaubt und auf Seinen Lohn hofft, dem werden alle seine vergangenen Sünden vergeben.”
Die Betenden hören der Qur´anrezitation
im Gebet zu und denken über seine Bedeutung nach, und die Stimme des Imam
hat großen Einfluss auf die Menschen. In verschiedenen Moscheen kann man nicht
selten sehen, wie die Menschen zu weinen beginnen, wenn sie Verse hören, die
von Gottes Segnungen, Seiner Gnade und Seiner Liebe, von Seinem Paradies, das
Er den geduldigen Gläubigen vorbehalten hat oder die von dem Leiden in der
Hölle sprechen. Der Qur´an ist eine Offenbarung, die jedes Individuum
anspricht und so fühlt jeder Einzelne, dass Gott ihn direct anspricht, wenn er
ihn hört. Daher sind die Gefühle, die bei der Qur´anrezitation aufwallen
wirklich unvergleichlich und unbeschreiblich.
Am Ende des Tarawiehgebets erheben
der Imam und die Gemeinde ihre Hände und machen Bittgebete für sich und für die
Muslime; sie bitten Gott um die Vergebung ihrer Sünden, dass Er ihnen Stärke
verleiht, um ihren Glauben zu praktizieren und standhaft zu bleiben, dass Er
sie in das Paradies eintreten lässt, dass Er die Kranken heilt, dass Er den
Verstorbenen vergibt und sie bitten Ihn um die guten Dinge in dieser Welt und
in der nächsten Welt. Sie bitten Gott, sie vor der Strafe am Tag des Gerichts
zu bewahren, ihre Abrechnung an jenem Tag zu erleichtern und die Leiden ihrer
muslimischen Brüder auf der ganzen Welt zu mindern. Es ist nicht ungewöhnlich,
die Mehrheit der Gemeinde unter Tränen ihren Herren anflehend zu finden. Tatsächlich
ist das Tarawiehgebet einer der Höhepunkte im Ramadhan, und es spielt
eine große Rolle dabei, die Muslime zu inspirieren und ihnen Redlichkeit zu
verleihen.
Nach dem Tarawieh kehren die
Muslime in ihre Häuser zurück, essen Abendessen und dann erholen sie sich in
ihren Betten, damit sie am nächsten Morgen wieder zu der Mahlzeit vor der
Morgendämmerung aufstehen können.
Wie man sehen kann, ist der Ramadhan ein
Monat, in dem verschiedene gottesdienstliche Handlungen für Gott verrichtet
werden. Ramadhan ist wie eine Übungszeit, in der die Muslime ihren Lebensstil
so verändern, dass er Gottes Befehlen mehr entspricht. Von der Zeit an, zu der
der Mensch am Morgen erwacht, den gesamten Tag hindurch und bis in die Nacht
hinein verrichtet der Muslim verschiedene gottesdienstliche Handlungen, zu
manchen ist er verpflichtet, andere macht er freiwillig, aber alle vollzieht
er, um seinem Herrn zu gefallen. Dieser Monat ist tatsächlich ein
Schlüsselfaktor im Leben der Muslime, eine Zeit der Verjüngung, in der der
Gläubige für ein neues Jahr seines Lebens inspiriert wird, der mit der
Zufriedenheit Gottes erfüllt ist und Seinen Zorn vermeidet.
Es gibt noch andere Besonderheiten im
Ramadhan.
Die letzten zehn Nächte
1. “Wahrlich, Wir haben ihn (den Qur´an)
herabgesandt in der Nacht von Al-Qadr.
2. Und was lehrt dich wissen, was
die Nacht von Al-Qadr ist?
3. Die Nacht von Al-Qadr ist
besser als tausend Monate.
4. In ihr steigen die Engel und der
Geist (Gabriel) herab mit der Erlaubnis ihres Herrn zu jeglichem Geheiß.
5. ‘Friede’ ist sie bis zum
Anbruch der Morgenröte.” (Quran:97:1-5)
Es war Ramadhan, als der Qur´an von den
Himmeln auf die Erde herabgesandt wurde. Genauer gesagt, es war in einer der
letzten zehn Nächte dieses gesegneten Monats. Der Prophet, Gottes Segen und
Frieden sei auf ihm, sagte:
“Erwartet die gesegnete Nacht in den letzten Zehn.”
In jener Nacht sind die
gottesdienstlichen Handlungen und guten Taten besser, als wenn sie über tausend
Monate verrichtet werden, wie in dem oben zitierten Qur´anvers gesagt wird.
Daher vermehrte der Prophet, Gottes Segen und Frieden sei auf ihm, seinen
Gottesdienst, indem er die ganze Nacht im Gebet wach blieb.
“Wenn die [letzten] zehn [Nächte] des Ramadhan anbrachen, krämpelte der Prophet seine Ärmel hoch und verlieh der ganzen Nacht Leben und weckte seine Familie.”
Die Muslime erwarten diese gesegnete
Nacht, damit ihr Lohn vermehrt wird. Muslime verbringen die ganze Nacht im
Gottesdienst, vom Beten des Tarawiehgebets über Qur´anlesen, Bittgebete
sprechen bis hin zu freiwilligen zusätzlichen Gebeten. Während dieser Nächte
wird in den Moscheen sogar noch ein zusätzliches Gebet verrichtet, das
eineinhalb bis zwei Stunden dauert und kurz vor der Zeit für die Mahlzeit vor
der Dämmerung endet. Die Nächte leben vor Gottesdienst und die Menschen
strengen sich mit all ihrer Kraft an, dies zu tun, um zu versuchen, diese
geehrte Nacht im Gottesdienst zu verbringen. Der Prophet, Gottes Segen und
Frieden sei auf ihm, sagte:
“Wer in der gesegneten Nacht im Gebet verbrachte, an Gott glaubte und Seinen Lohn erhoffte, dem werden alle seine vergangenen Sünden vergeben.”
Ramadhan ist ein Monat der Vergebung und
die Menschen hoffen, dass sie zu denjenigen gehören werden die vor dem Feuer
gerettet werden:
“Gott erwählt wen Er will (im Ramadhan), der vor dem Feuer gerettet wird, und zwar in jeder Nacht. ”
Aus diesem Grund fasten, beten und
erwarten die Menschen die geehrte Nacht, damit ihnen ihre Unzulänglichkeiten
vergeben werden und sie in das Paradies eintreten dürfen.
Umrah (Kleinere
Pilgerreise nach Mekka)
Der Prophet, Gottes Segen und Frieden sei
auf ihm, ermunterte die Leute, die Kaaba zu besuchen und die kleinere
Pilgerreise oder Umrah zu vollziehen. Er sagte:
“Tatsächlich die Umrah im Ramadhan zu vollziehen entspricht dem Hağğ mit mir.”
Deshalb zieht es Millionen von Pilgern
nach Mekka, um diese kleinere Pilgerreise zu machen. Die meisten kommen
während der letzten zehn Tage des Monats in der Hoffnung, die Belohnung des Hağğ
zu verdienen und um an den Gebeten bei der Kaaba teilzunehmen, eine
unglaubliche Erfahrung für den Gläubigen. Man trifft Muslime aus allen Teilen
der Welt, aller Kulturen und aller Rassen, und alle nehmen an dem
gemeinschaftlichen Fasten des Tages und dem Gottesdienst die Nacht hindurch
teil, um die Zufriedenheit ihres Schöpfers, ihres Herrn zu erlangen.
Ein Monat der Vergebung
Wir erwähnten verschiedene prophetische
Aussagen, die feststellen, dass die unterschiedlichen Arten des Gottesdienstes
Mittel zur Vergebung sind. Fasten, Tarawiehgebet und das Beten in der
geehrten Nacht – das alles sind Mittel der Vergebung.
“Wer den Monat Ramadhan fastet, an Gott glaubt und Seinen Lohn erhofft, dem werden alle seine vergangenen Sünden vergeben.”
“Wer im Ramadhan das Nachtgebet verrichtet, an Gott glaubt und auf Seinen Lohn hofft, dem werden alle seine vergangenen Sünden vergeben.”
“Wer in der geehrten Nacht im Gebet
stand, an Gott glaubt und Seinen Lohn erhofft, dem werden alle seine vergangenen
Sünden vergeben.” (Sahieh Al-Bukhari)
Ramadhan ist allgemein der Monat der
Errettung vom Höllenfeuer:
“Gott wählt (im Ramadhan) aus, wer
vom Feuer gerettet werden wird - und das in jeder Nacht.” (Al-Tirmidhi)
Ein Monat der Wohltätigkeit
Wie schon zuvor erwähnt, bemühen sich die
Menschen, andere zu speisen oder ihnen Lebensmittel zukommen zu lassen, mit
denen sie ihr Fasten brechen können, und sie spenden bedürftigen Familien
Lebensmittel, damit diese im Monat Ramadhan genug zu essen haben. Abgesehen
davon sind die Menschen im Ramadhan allgemein wohltätiger, denn die
Wohltätigkeit wird als eine Form des Gottesdienstes angesehen, und Gott wird
sie dafür belohnen. Der Gefährte des Propheten, Abdullah bin Abbas sagte:
“Der Prophet war der großzügigste Mensch, und im Ramadhan war er sogar noch großzügiger.”
Um ihre guten Taten zu vermehren, wählten
manche Muslime ebenfalls den Monat Ramadhan, um ihre Zakat[1]
oder das Pflichtalmosen zu entrichten.
Sich in Einsamkeit zurückziehen
Es gibt eine besondere Form des
Gottesdienstes im Islam, bei dem man sich für eine gewisse Zeit lang in die
Moschee zurückzieht, sei es für einen Tag oder für eine Woche, und man
verbringt seine Zeit mit der Qur´anrezitation und dem Lobpreisen Gottes, was wiederum
eine Übung für den Menschen ist, sein Leben ganz Gott zu widmen. Indem man
sich von der alltäglichen Routine abkapselt und ganz dem Gottesdienst hingibt,
lernt man, Prioritäten zu setzen und dem Leben in dieser Welt weniger Beachtung
zu schenken. Der Prophet, Gottes Segen und Frieden sei auf ihm, praktizierte
selbst auch dieses Zurückziehen, das I’tikaaf genannt wird, in den
letzten zehn Tagen des Ramadhan. Er schlug ein Zelt in der Moschee auf und zog
sich darin zurück, wo er sich ganz den unterschiedlichen Arten des
Gottesdienstes widmete.
Muslime auf der ganzen Welt versuchen,
sich von ihrer Arbeit oder Schule frei zu nehmen, um diesen Gottesdienst zu
erfüllen, aber aufgrund der Schwierigkeit, ganz vom alltäglichen Leben
abzuschalten, gelingt dies nur wenigen Menschen. Nichtsdestotrotz findet man
in den Gemeinschaftsmoscheen nur wenige Menschen, die diesen Gottesdienst
wahrnehmen.
Schlussfolgerung
Wie man sehen kann, ist Ramadhan für die
Muslime auf der ganzen Welt eine wirklich besondere Zeit. Es ist ein Monat des
Gottesdienstes, in dem die Sünder bereuen und sich Gott wieder zuwenden und die
Gläubigen ihren Glauben erneuern. Es ist eine Übungszeit, in der man sich
daran gewöhnt, ein Leben im Einklang mit den Befehlen Gottes zu führen und Seine
Zufriedenheit zu suchen. Es ist eine Zeit, in der man seine Verbindung zu Gott
stärkt.
Es ist eine Zeit, in der der Mensch sich selbt dazu erzieht,
zusätzliche gottesdienstliche Handlungen zu den Pflichten zu verrichten. Der
Monat Ramadhan ist ohne Vergleich, und die Gefühle der Muslime in diesem Monat
sind unbeschreiblich. Aus diesem Grund baten die Gefährten des Propheten Gott,
ihnen die Gnade zukommen zu lassen, Ramadhan bereits sechs Monate vor seinem
Beginn und sechs Monate nach seinem Ende erleben zu können, und sie baten Gott
um Vergebung für ihre Unzulänglichkeiten darin. Wir bitten Gott, das Fasten
und die Gebete der Muslime in diesem gesegneten Monat anzunehmen, und anderen
die Rechtleitung zuteil werden zu lassen, um in der Lage zu sein, ihn als
Muslime fasten zu können.
[1] Siehe
(http://www.islamreligion.com/articles/46).